Mein Leben mit MS

Ich bin Dirk Riepe, geboren 1962 in Herford, Ostwestfalen-Lippe. Mein Leben verlief lange Zeit, wie man sich ein Leben nur wünschen würde, jedenfalls so wie ich es mir wünschte.

Einen kleinen Knacks bekam die Planung als wir – wir waren mittlerweile ein wir, also ich und meine Frau – unsere Tochter erwarteten, obwohl ich gerade meinen ersten Job angetreten hatte, und wir noch kein Haus gebaut hatten. Nach dem Studium der Elektrotechnik begann also gleichzeitig mein Arbeitsleben als Ingenieur in der Forschung und Entwicklung eines Umwelttechnologieunternehmens und unsere ältere Tochter wurde geboren. Nicht nur, dass die Planung überraschende Züge angenommen hatte, die gerade überstandene Probezeit endete auch noch mit einem Krankenhausaufenthalt. Der Grund waren Merkwürdigkeiten in meiner sensorischen Gefühlswelt und heftige Rückenschmerzen. Genauer kann ich es nicht sagen. Weder damals konnte ich es, noch kann ich es heute. Jedenfalls hatten die Mediziner einen Namen dafür:

Diese Krankheit mit 1.000 Gesichtern, aber nur zwei lächerlichen Buchstaben lässt einen nie wieder los. Der Mediziner spricht von chronisch unheilbar. Ich spreche von „Kann nicht sein, soll nicht sein, darf nicht sein; mit mir nicht!“.

Multiple Sklerose

Meine Tochter wurde gerade ein Jahr alt. Sie liebte es, die Gänge im Krankenhaus herauf und herunter zu rennen. Ein Glück, dass sie nicht an die Fahrstuhlknöpfe kam. In der Wartezone thronte auf dem Tischchen in der Ecke eine kleine Geburtstagstorte; mit einer Kerze in der Mitte. Zum Glück war der Brandschutzexperte nicht in der Nähe, als Lea ihre Kerze auspustete.

Das sollte erst der Beginn eines Lebens in absurden Szenen sein, aus dem man sich nicht einfach verabschieden kann. Man kann das Theater nicht verlassen und sich danach mit Freunden über eine Aufführung von Beckett bei einem Kaltgetränk in der Kneipe unterhalten. Man ist und bleibt Bestandteil des Stückes. Es gibt keinen Weg heraus. Egal wie ich mich körperlich und seelisch verändere, ich bleibe im Bühnenbild. Mag das Stück noch so realistisch sein, die Grenzen zwischen Aufführung und Logenplatz, zwischen Betrachter und Akteur, sind unverrückbar, so sehr sich der Macher des Theaterstücks auch müht.

Ein Leben, zwei Buchstaben, tausend Gesichter.